Orléans
, 10. Januar 2017
„Willkommen im Handicapland“

Graphic Novel „Dich habe ich mir anders vorgestellt…“

„Nur hereinspaziert, die Damen und die Herren, die jungen Eltern mit ihren besonderen Kindern! Wir haben für jeden Geschmack das Passende: Kardiologen, Psychologen und Physiotherapeuten.“ Fabien Toulmés´ berührende autobiographischer Graphic Novel über seine an Trisomie 21 erkrankte Tochter ist schonungslos ehrlich und alles andere als politisch korrekt. Zum Glück!

x-working Die Diagnose: Ein Alptraum. Fabien Toulmé konnte sich erst schrittweise seiner Tochter nähern. Seine berührenden Bilder – ein gezeichnetes Spiegelbild seiner Gefühlswelt.
Die Diagnose: Ein Alptraum. Fabien Toulmé konnte sich erst schrittweise seiner Tochter nähern. Seine berührenden Bilder – ein gezeichnetes Spiegelbild seiner Gefühlswelt.

Wenn deine größte Angst Realität wird...
„Es gibt eine Vielzahl von möglichen Krankheiten und Behinderungen, mit denen ein Kind auf die Welt kommen kann. Es kann mit einem Arm geboren werden, an Leukämie erkranken, und was weiß ich noch. Aber die größte Angst machte mir das Down-Syndrom“, so Fabien Toulmé. Und als wäre es Ironie des Schicksals, wird seine größte Angst Realität. In seinem autobiographisch verfaßten Graphic Novel „Dich habe ich mir anders vorgestellt“ erzählt er rückblickend die Geschichte seiner mit dem Down-Syndrom geborenen Tochter Julia. In Frankreich hat das Buch großen Zuspruch gefunden – nicht nur bei Betroffenen.

Es ist eine verstörend starke, unter die Haut gehende Geschichte eines Vaters, der sich selbst und seine zerrüttete Gefühlswelt schonungslos preisgibt. „Ich wollte einfach eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte, Ich wusste nicht, ob ich damit auf Zustimmung oder Ablehnung stoßen würde. Und wenn jemand deshalb seine Meinung über das Down-Syndrom geändert hat, dann freut mich das natürlich. Es war aber nicht der Grund, warum ich den Comic geschrieben habe“, so der einstige französische Ingenieur im Interview mit „Deutschlandfunk“.

Sein Strich ist fein, schwarz und auf das Wesentliche reduziert, um Platz zu lassen für den Zusammenbruch seiner Welt, den Ekel, den er vor seiner eigenen Tochter empfindet und die Wut auf sie, seine Frau, die Welt – und nicht zuletzt auf sich selbst.

Und doch ist es keine von Gram gebeugte Geschichte. Es ist vielmehr die gezeichnete Geschichte eines Vaters, der sich seiner Tochter schrittweise nähert. Ein Vater, dessen öffentlich gezeigte Ablehnung eigentlich Tabu ist. Ein Vater, der seine behinderte Tochter selbst nach Monaten nicht anfassen kann oder will? Unvorstellbar und doch für Toulmé bittere Vergangenheit.

Da sind die gezeichneten Phasen der Ablehnung, der Akzeptanz, als auch der Liebe, die in farblich unterschiedlich hinterlegten Zeitsprüngen in „Dich habe ich mir anders vorgestellt“ erzählt werden. Anhand bewegender Schlüsselmomente schildert Toulmé die persönliche Geschichte seiner Familie.

Sein ganz eigener Humor und die knuddelig anmutenden franko-belgisch gezeichneten Wesen tun ihr Übriges.

© 2017 – x-working

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