Gießen
, 18. Mai 2017
Bunte Street Art mit Botschaft

Interview mit dem Künstlerkollektiv 3Steps

Da x-working vor einiger Zeit seinen Platz im beschaulichen Mittelhessen gefunden hat, haben wir die Chance ergriffen, Euch das beeindruckende Künstlerkollektiv 3Steps aus Gießen vorzustellen. Ich traf mich in den Atelierräumen von 3Steps mit Uwe, einem von drei Künstlern des Kollektivs. Joachim kam später hinzu. Als vom Bund ausgezeichnete „Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands“ haben sie das Stadtbild der letzten Jahre entscheidend mitgeprägt.

x-working Künstlerkollektiv 3Steps aus Gießen
Künstlerkollektiv 3Steps aus Gießen

x-working: Zunächst mal vielen Dank, dass ich heute hier bei Euch sein darf für das Interview. Seit wann gibt es Euch als 3Steps Künstlerkollektiv und wie kamt ihr zu diesem Zusammenschluss?
Uwe: Uns gibt’s seit 1998. Also jetzt fast 20 Jahre. Der Zusammenschluss kam eigentlich aus der Intention Graffiti und Wandmalerei zu machen. Anfänglich hatten wir noch die Hip Hop Säule Breakdance mit dabei, die vor allem bei uns durch Joe (Joachim) besetzt war, der auch einer lokalen Breakdance-Gruppe angehörte. Irgendwann haben wir gemerkt, dass unsere Füße nicht so flink sind wie unsere Hände und wir haben uns dann mehr auf Graffiti konzentriert. Mein Bruder Kai hat das Ganze schon 1997 begonnen. Im Alter von 17 Jahren hat er angefangen Writing zu machen, damals vor allem zu sketchen. In einem Sommerurlaub sind wir als kunstinteressierte Jugendliche auf Graffiti aufmerksam geworden und fanden das ziemlich cool. Auf der Heimfahrt haben wir letztendlich gemerkt, dass an jeder Autobahnbrücke oder an jeder großen Wand ein Graffiti-Schriftzug zu sehen ist. In Gießen gab es damals schon eine etablierte und bekannte Graffiti Szene, dadurch haben wir uns auch inspirieren lassen. 1998 haben wir erstmals zur Dose gegriffen und losgelegt. Ursprünglich nannten wir uns Three Steps Ahead (TSA). Es gibt ja beim Breakdance einen Schritt der heißt „Six Step“ und da haben wir noch das „Ahead“ dazu gesetzt und die Zahl Drei in den Vordergrund gestellt. Wir waren eben drei Jungs, das passte perfekt.. Im Laufe der Zeit haben wir es auf „3Steps“ gekürzt.

x-working: Ihr habt ursprünglich studiert. Kai hat Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert und zum Thema Guerilla-Marketing promoviert, Uwe ist Doktor der Humanmedizin und Joachim studierte Informatik. Inwieweit greift Euer studiertes Fachwissen in Eure Kunst ein bzw. ist es Euch eine Hilfe für das, was Ihr heute macht?
Uwe: Ich spreche jetzt mal auch für meinen Bruder Kai. Sein Studium ist sehr hilfreich, bei dem was wir täglich machen. Wer weiß wie hart es ist von der Kunst zu leben und damit letztendlich auch Familien zu ernähren, der weiß dass man mehr Know How braucht als einfach nur Bilder zu malen. Wir verstehen 3Steps als Kollektiv und als unser gemeinsames Projekt. Da hilft uns das schon viel weiter, was er studiert und aus dem Studium gezogen hat.
Joachim: Du siehst ja, hier stehen überall Rechner. IT ist aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. Von daher hilft uns das auch weiter. Wir arbeiten viel mit Grafikprogrammen, machen Installationen mit Licht, die mit dem Computer angesteuert werden.
Uwe: Vor allem beim Design der Bilder hilft es. Wir arbeiten relativ viel bei der Planung mit dem Rechner. Sowohl mit dem Sketchbuch natürlich, aber auch in der Endausführung mit dem Rechner. Die Bedienung mit den Grafikprogrammen ist unerlässlich. Wir haben letztes Jahr unser Buch „Milvus County“ rausgebracht. Das haben wir komplett in Eigenarbeit erstellt.
Medizin bringt uns jetzt künstlerisch eher nichts bis auf die Präzension beim Schablonen schneiden. Das ist wie mit dem Skalpell in der ruhigen Hand im OP. Aber für mich persönlich ist das immer komplett ein Tapetenwechsel. Man merkt trotzdem in einigen Bildern, dass ein Einfluss aus der Medizin mit reinwächst. Aber letztendlich ist das bei mir doch komplett was anderes. Das schätze ich auch, dass es zwei völlig unterschiedliche Teile von meinem Leben sind. Die haben beide ihren Stellenwert. Hier kann ich mich voll auf die Kunst konzentrieren und mit den Jungs mein eigenes Ding machen.

x-working: Neben den klassischen Street Art und Mural Art-Arbeiten entstehen immer wieder Gemälde für neue Ausstellungen in Eurem Atelier. Gibt es bestimmte Künstler oder besondere Erlebnisse, die Eure Kunst beeinflussen?
Uwe: Die Arbeit die wir machen ist schon sehr geprägt von Erlebnissen, die wir haben. Insbesondere auch von unserer Sichtweise der Welt: Seht das Schöne, aber vergesst auch nicht das Hässliche. Eines unserer Ziele ist es, schmucklose Gegenstände oder Objekte des Alltags, beispielsweise Telefone oder Autos, in Objekte mit neuem Inhalt zu transformieren. Das andere ist, dass mein Bruder sich schon seit Jahren viel mit der Fotografie beschäftigt. Wir shooten zum Beispiel die Models für unsere Porträts selbst. Das ganze wird inspiriert durch eine Sichtweise, wie wir die Welt sehen oder wie wir auch gerne manchmal die Welt sehen würden. Das ganze bezeichnen wir als „Milvus County“, also als unsere Fiktionswelt. Das heißt wenn sie unsere Werke sehen oder auch zu Ausstellungen kommen, können sie die reale Welt hinter sich lassen und in eine neue Welt eintauchen. Es ist wie ein Kind zu sein – und die Dinge mit neuen Augen sehen. Wir verbinden das häufig mit dem Slogan : „Where fun meets adventure“. Es geht neben Spaß und Abenteuer aber auch um eine kritische Sichtweise der Welt. Das versuchen wir auch bei unseren großen Wandgemälden auf unsere Art und Weise zu interpretieren.
Natürlich gibt es auch Künstler, die uns inspirieren und die wir toll finden. Das gehört dazu. Das fängt bei Größen wie Kirchner, Kienholz, Richter, Rauschenberg oder Rehberger an und reicht bis hin zu anderen Street Artists aus Amerika und Europa. Natürlich inspirieren uns auch Menschen, die gar nichts mit Street Art zu tun haben, wie Spieledesigner, Musiker oder Freunde. Wir versuchen unseren eigenen Weg zu gehen, unsere eigenen Themen und eigene Sprache zu finden. Wer unsere Arbeiten seit Jahrzehnten verfolgt, der weiß dass wir gerne sehr bunt malen. Wir verwenden poppige Farben und deswegen tauchen wir in die Richtung Neo-Pop ab. Wir verbinden das mit dem Begriff „Urban Glamour“. Wie ich schon eben sagte, so banalen Gegenständen wie einer Schreibmaschine oder einem Telefon wird ein neuer Glanz verliehen. Oder im Prinzip wird das Mädchen von nebenan zu schönen Diva. Wir fordern die Menschen dazu auf, das schöne in den Dingen zu sehen – mal einen Perspektivenwechsel zu machen. Stellt Euch doch mal vom Schatten in die Sonne oder wechselt die Straßenseite.

x-working: Ich bin selbst aus Gießen und habe damals bevor ich wegzog, die Stadt als sehr grau erlebt. Ihr habt sehr viel Farbe in das Stadtbild gebracht. Was treibt Euch gerade hier in Mittelhessen an? Was ist Eure Vision?
Uwe: Hierzu kann ich auch gleich ein Zitat bringen. Es gab zu unserer Jungend eine coole lokale Band mit dem Namen „Dear Diary“.Die hatten einen Song zu unserer Heimatstadt mit dem Titel „Dark Grey Town“. Das trifft auch diesen Spruch wieder: „Die graue Perle an der Lahn“ – Gießen. Als gebürtige Gießener sind wir davon überzeugt, dass es genug schöne Ecken in der Stadt gibt, die man nur sehen und wahrnehmen muss. Natürlich wirkt die Stadt nicht so wie die Städte Bonn oder Heidelberg, München oder Hamburg. Gießen hat leider das Pech gehabt, dass sie  eine der deutschen Städte war, die 1944 ziemlich zerbombt wurden und dann den wüsten Bauwahn der 50er und 60er Jahre erlegen war. Hier hat man wie überall sehr schnell versucht notwendigen Wohnraum zu schaffen. Aber es gibt immer noch sehr viele  schöne Ecken. Wir haben gemerkt, dass wir gerade anfangs mit der Graffiti-Kunst und jetzt mit der Street Art noch mehr Farbe in die Region reinbringen können. Gerade auch an Ecken, die so ein bisschen in Vergessenheit geraten, wie der Wieseck-Bachlauf oder auch Stellen an der Lahn. Die bekommen dadurch wieder mehr Lebensqualität. Wir waren schon ziemlich früh daran interessiert, unsere Bilder in die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist ja immer ein Konflikt zwischen dem was man darf und was man nicht darf als Street Artist. Und wo kann man auch mal in Ruhe lange ein Bild malen? Es ist in Deutschland sehr schwierig an Hausfassaden zu kommen und Wände zu bemalen, weil sich häufig Städte und Kommunen dagegen sperren. Gießen und Wetzlar waren hingegen Städte, die direkt früh erkannt hat, dass Street Art in das moderne Stadtbild gehört.
Aktuell haben wir auch wieder die Unterstützung der Stadt Gießen für unser „River Tales“-Projekt. Im Herbst diesen Jahres wird es wieder ein Street Art Festival in Gießen geben, wo wir internationale Street Artists einladen in Gießen zu malen. Wir wollen zeigen, dass Street Art nicht nur in Großstädten wie New York oder Berlin stattfinden muss, sondern dass auch auf dem Land oder einer Provinzialstadt funktionieren kann.

x-working: Euer Wappentier ist der Rotmilan, der sich auch in zahlreichen Kunstwerken wiederfindet. Was hat es damit auf sich?
Uwe: Das ist auch eine persönliche Geschichte. Mein Bruder und ich hatten als Kinder einen Naturschutzclub bei uns im Ort. Damals hatten wir dem Naturschutzclub den Namen „Roter Milan“ gegeben. Der Rotmilan ist ein vom Aussterben bedrohtes Tier. Wir hatten uns als Kinder die Aufgabe gegeben den lokalen Bach bei uns im Dorf sauber zu halten. Und das haben wir auch recht lange gemacht, so bis wir 14, 15 Jahre alt waren. Dann kamen eben auch andere Hobbies dazu, wie das Malen. Der Naturschutzclub blieb dann durch Schule, Studium und Skaten auf der Strecke, aber wir sind immer noch naturverbundene Jungs, denen der Naturschutz relativ stark am Herzen liegt. Da lag es für uns nahe, diese alte eigene Geschichte aufzugreifen, um die Welt zu retten. Für uns ist der Rote Milan ein Sinnbild für bedrohte Tierarten und die bedrohte Umwelt, aber auch als Schutzpatron für die Schwachen. Deswegen taucht er immer wieder in unseren Bildern auf. Unsere letzte große Wand, die wir hier in Gießen gemalt haben, war eine Interpretation von Kriemhilds ersten Traum aus dem Nibelungenlied. Kriemhild träumt, dass zwei Adler den Falken angreifen. Wir haben den Falken durch den Roten Milan ersetzt. Das soll im Prinzip das Sinnbild von dem Kampf der Kleinen gegen die Großen widerspiegeln. Ob das nun im einfachen Leben ist oder auch im globalen Sinne Wer diesen Kampf letztendlich gewinnt bleibt auch in der Bildinterpretation offen.

x-working: Ihr habt bereits 2012 und 2014 das erfolgreiche River Tales Festival veranstaltet, bei dem verschiedene Künstler Fassaden und Betonwände entlang der Lahn gestaltet haben. Könnt Ihr mir zu der neuen Ausgabe im Herbst noch etwas mehr erzählen?
Uwe: River Tales wird dieses Jahr zum dritten Mal stattfinden – Magical Number Three (lacht). Im Prinzip ist River Tales ein Projekt, wo es um die Neugestaltung von Stadt, Land und Fluss geht. Zeitgenössische Kunst in Form von Street Art und Mural Art hat darin ihren zentralen Faktor. Das Projekt wird von uns initiiert und kuratiert. Dieses Jahr mit dem Thema „River Tales Goes Gießen City“ und dem Slogan „The Grind Of Live Through Art“. So soll das River Tales Festival die Stadt in ein Kunstwerk verwandeln. Im Sommer wird dazu ein Crowdfunding-Projekt stattfinden auf www.startnext.com. Hier kann ein Jeder Teil von River Tales durch eine finanzielle Unterstützung werden. Das Ziel ist hierbei, noch weitere Künstler nach Gießen einladen zu können um weitere Hausfassaden zu gestalten. Das Geld wird dann genutzt um die Reisekosten, Unterkünfte und die Honorare für die Künstler zu decken, damit die den Weg hier nach Mittelhessen finden.

x-working: Woran arbeitet Ihr derzeit?
Uwe: Momentan arbeiten wir an mehreren großen Projekten. Eins davon ist unsere kommende Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen im September, wo wir neben Herbert Mehler ausstellen werden. Da werden wir unsere größte Soloshow bisher haben. Für diese Show sind wir nun in der Planung, Gestaltung und Ausfertigung. Das andere Projekt, mit dem sich auch unser unterstützendes Team beschäftigt, ist eben das nächste River Tales Festival im Herbst. Wir haben vor einer Woche den Preis „Ab durch die Mitte“ dafür gewonnen. Das ist eine Förderung vom Land Hessen für die Verbesserung des Städtebildes. Damit haben wir eine hohe finanzielle Unterstützung für das River Tales-Projekt bekommen, so dass wir auch internationale Street Artists einladen können, in Gießen Hausfassaden zu gestalten. Dennoch brauchen wir mehr Mittel.

x-working: Was sind die Next Steps / Pläne für die Zukunft?
Uwe: Wir planen den Umzug in unser neues Studio im Spätsommer / Herbst. Wir werden uns räumlich vergrößern. Und weiterführend arbeiten wir an der Entwicklung im internationalen Kunstmarkt. Das ist eines unserer großen Ziele. Wir haben bereits einen sehr guten Partner gefunden, die Galerie 2CforArt aus Salzburg, bei denen wir nun seit eineinhalb Jahren in Vertretung sind. Am wichtigsten ist uns vor allem Werke zu schaffen und viele viele Bilder zu malen.

© 2017 – x-working

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