Bochum
, 23. September 2019
Von der Decadence des anders Machens

Interview mit Annika Döring

An dem heutigen warmen Septembertag mache ich mich auf den Weg nach Bochum, um eine außergewöhnliche junge Künstlerin zu treffen. Annika Döring steckt mitten in der Promotion zu ihrer Doktorarbeit, hat sich für das Interview mit x-working jedoch Zeit genommen. Annika hat mich in der Vorrecherche sehr beeindruckt, denn sie macht etwas sehr Spezielles für die Kunstwelt: Sie malt Akte von Männern.

x-working Ein Männer-Akt von Annika Döring
Ein Männer-Akt von Annika Döring

x-working: Annika, vielen Dank dass ich Dich heute in Bochum besuchen und das Interview mit Dir führen darf.
Du malst bevorzugt Akte. Woher kommt das Interesse für diesen Stil?

Annika: Das ist fast von selbst gekommen. Ich habe immer sehr gerne gemalt und ich habe gemerkt, dass es mir mehr liegt natürliche Formen zu malen - also Wasser, Landschaften, Blumen und eben Körper. Alles was irgendwie technisch ist, so sehr gradlinig wie Architektur zum Beispiel, das liegt mir überhaupt nicht. Dann habe ich gemerkt, dass das mit den Akten genau das ist, was mir am leichtesten fällt und dass es auch das war, was am besten angekommen ist.

x-working: Du malst auch Akte von Männern. Das ist sehr besonders, da Männer in der Regel Akte von Frauen malen. Was fasziniert Dich daran?
Annika: Mich fasziniert wie das wahrgenommen wird. Denn eigentlich würde man denken, dass ein Akt von einem Mann im Prinzip genauso ist wie ein Akt von einer Frau. Es wird jedoch ganz anders aufgefasst. Ich habe das zum Beispiel bei meiner letzten Ausstellung gemerkt, bei der ich Akte von Männern und von Frauen gezeigt habe. Die Akte von den Frauen werden rein ästhetisch beurteilt. Die Leute kommen und schauen sich das an, finden die dann schön oder eben nicht so und fragen sich dann "Passt das farblich und von der Größe her bei uns ins Wohnzimmer?". Und bei den Akten von Männern, da sieht man richtig, dass viele Menschen sich erst mal erschrecken. Mich wundert das total, weil ich denke, natürlich ist das außergewöhnlich. Aber es ist doch überhaupt nichts Schlimmes. Ich finde das witzig, dass das als so ein Tabubruch wahrgenommen wird. Ich habe es schon erlebt, dass es unterschiedlich wahrgenommen wird. Beispielsweise kam in die letzte Ausstellung ein Ehepaar, von denen die Frau zu mir sagte, dass sie es richtig toll fände, wie ich das mache: "Immer waren die Frauen die Objekte für die Männer, endlich ist es mal umgekehrt." Und ihr Mann sagte: "Das stimmt doch gar nicht. Sonst haben die Frauen uns Männern immer den Platz weggenommen und jetzt sieht endlich mal jemand, dass wir Männer auch schön sind und gibt uns die Wertschätzung, die wir verdient haben." Ich denke, Akte von Frauen sind nicht so sexuell beladen. Man kann auch als heterosexuelle Frau ein Akt von einer Frau einfach schön finden als Bild. Mit den Akten von Männern scheint das aus irgendeinem Grund nicht zu funktionieren. Ich kenne keinen Mann, der nicht schwul ist und sich den kaufen und aufhängen würde. Das finde ich auch sehr interessant, dass diese Akte häufig auf Sexualität reduziert werden oder auf Erotik. Ich denke, das muss aber eigentlich gar nicht sein. Nackt sein kann auch etwas ganz anderes symbolisieren, sowas wie Naturverbundenheit oder Verletzlichkeit.

x-working: Beschreibe bitte mal Deinen künstlerischen Stil.
Annika: Mein künstlerischer Stil setzt sich zusammen aus vielen vorhergegangenen Strömungen. Einmal aus dem Naturalismus, dann auch aus dem Symbolismus; dass etwas durch das Bild freigesetzt wird - etwas Fantasievolles, Rauschhaftes, Leidenschaftliches, was sich im Kopf des Betrachters abspielt und nicht per se durch das Bild hergegeben ist. Das merkt man zum Beispiel daran, dass Menschen, die die Akte sehen - obwohl sie ja ganz harmlos sind - immer etwas Erotisches sehen. Mein Stil hat auch etwas von der Decadence, also von dem Antibürgerlichen. Damit meine ich, etwas zu machen, was einen selbst vielleicht in eine Außenseiterposition bringt, weil es absolut nicht üblich ist. Aber das genau diese Position die künstlerische Schöpferkraft fördert und steigert.

x-working: Du hast Philosophie studiert. Wie bringt sich das Studium in Deine Kunst mit ein?
Annika: Ganz allgemein ist es ja so, dass Philosophen das hinterfragen, was allgemein als selbstverständlich gilt, sich damit kritisch auseinandersetzen und dann zu einer neuen Position kommen und sich auch entsprechend persönlich dazu verhalten. Und da merkt man schon, wie bei mir die Philosophie mit reinkommt, dass ich mich einfach mal gefragt habe, warum es keine Akte gibt von Männern. Und das ich entschieden habe, ich mache das jetzt einfach mal anders.

x-working: Du promovierst im Bereich der mediterranen Ästhetik. Erzähle uns etwas darüber.
Annika: In meinem Promotionsprojekt geht es um den Zusammenhang zwischen Mittelmeer, Philosophie und Kunst. Ästhetik ist ja ein Bereich der Philosophie, die Frage nach dem, was das Schöne ist. Insofern ist der Bereich in der Philosophie schon sehr eng an die Kunst oder an die Kunstgeschichte gekoppelt. Es gibt dann viele theoretische philosophische Schriften darüber, was das Schöne sei oder was ein Kunstwerk zu einem gelungenen Kunstwerk macht. Viele der Philosophen, die sich mit der Frage nach dem Schönen beschäftigt haben, kommen aus Mitteleuropa. Es ist fast gänzlich unbekannt, dass die aber sehr stark - und zwar immer dann, wenn es um Kunst geht in ihren Schriften - vom Mittelmeer inspiriert worden sind. Alle kommen zu einem unterschiedlichen Ergebnis durch ihre Inspiration vom Mittelmeer, was Kunst eigentlich ausmacht. Für den einen ist es so, dass ein Kunstwerk dann ein gelungenes Kunstwerk ist, wenn es das Motiv in dessen Wesen offenbar werden lässt,  Dass man in dem Kunstwerk besser erkennt, was das Abgebildete in Wahrheit ist, woraus es besteht, was das Relevante daran ist oder was seine Bedeutung ist, als wenn man den Gegenstand als solchen vor sich hätte. Bei anderen Philosophen ist die Kunst die Freiheit. Dann beschäftige ich mich zusätzlich auch noch damit, wie es in der Modernen Kunst ist. Hat das Mittelmeer darauf auch einen großen Einfluss? Da bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Ja! Und dann inwiefern und was bedeutet das? Da ist das Mittelmeer wichtig in der Antikriegs-Kunst, als Inspiration für Frieden.

x-working: Das ist ein sehr interessantes Thema. Wie stehst Du allgemein dem Kunstmarkt gegenüber?
Annika: Grundsätzlich höre ich oft, dass Menschen dem Kunstmarkt gegenüber sehr kritisch eingestellt sind. Ich finde, dass Kunstmarkt an sich erst mal nichts Schlechtes ist. Es ist normal und es soll auch so sein, dass wenn ein Mensch ein Produkt herstellt, das andere Menschen gerne haben wollen, er dafür Geld bekommt. Ich sehe keinen Grund, warum das in der Kunst nicht so sein sollte. Es muss ja auch so sein, weil der Künstler auch eine Lebensgrundlage braucht um weiterarbeiten zu können. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun und ist legitim und fair und angemessen. Natürlich ist es nun so, dass auf dem Kunstmarkt alles etwas undurchsichtiger ist, etwas komplexer als in den meisten anderen Märkten. Das macht es für viele kompliziert, das kann ich verstehen. Aber grundsätzlich denke ich, dass es wichtig ist, dass es einen Markt gibt für die Kunst.

x-working: An was arbeitest Du gerade, bzw. was für Projekte stehen an?
Annika: Ich muss nun erst mal meine Doktorarbeit fertig machen. Das ist ein Hauptthema. Und dann möchte ich auch gerne weitermachen mit der Kunst und wieder mehr Ausstellungen haben.

x-working: Danke Annika, für das interessante Interview mit Dir!

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